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…der lange Weg zum Berufsstart in Portugal – von “Arzt werden” und “Arzt sein”

Hallo, da bin ich wieder! Das kleine Licht am portugiesischen Bürokratie-Himmel. Man könnte meinen, es geht “einfach” nur um ‘ne Arbeitserlaubnis als Arzt – ein bisschen Dokumente abgeben, ha, weit gefehlt. Inzwischen weiß ich, dass man ganz ganz unten anfängt und sich wie ein Praktikant hocharbeitet – in die portugiesischen Ämter hinein, in den “Club” der Ärzte und der Ärztekammer und des Fachbereichs hinein, in die Sekretariate hinein, in die Köpfe der einzelnen Beteiligten und Schreibtischtäter hinein. Leider zeigt die Erfahrung: Nichts ist unkompliziert. Und nichts in einem Schritt gemacht.

Der Prozess “Arbeitserlaubnis als deutscher Arzt in Portugal“: ein Drama in 26+x Akten.

Ging man anfangs davon aus, man “sei schon Arzt”, so weiß ich nun, ich muss erst noch mal Arzt in Portugal “werden”… im Sinne von: Teil des hiesigen “Arzt-Clubs” werden. Ich kann allen Interessenten nur WÄRMSTENS empfehlen: besser ganz schnell deutsche “Tugenden” und andere recht deutsche Charakterzüge wie Perfektionismus und Struktur-Liebe, selbständiges Handeln, Ordentlichkeit und Listen- bzw. “hier-steht-das-aber-so-und-so“-Fixierung über Bord werfen.

Alles fing Anfang Februar 2019 an. Vor EINEM Jahr.

Ausgiebig vorbereitet, Dokumente beschafft, im Netz fleißig angelesen, den Kopf halb-voll mit Halb-Wissen und voll mit Infos, die Tasche halb-voll mit Schnullis und voll mit Kinder-Keksen stellte ich mich in Begleitung meiner beiden kleinen Kinder (die Jüngste damals erst 19 Monate alt) das erste Mal euphorisch in der portugiesischen Ärztevereinigung Ordem dos Médicos vor. Die Durchsicht meiner Dokumente endete schon beim 1. Dokument, welches irgendeinen, mir nicht ersichtlichen Makel aufzuweisen schien und mit wohl am ehesten nicht hinreichendem oder ausreichendem Stempel oder aber Stempel in falscher Farbe versehen war. Ich erntete einen schiefen Blick, das Zucken um den Mundwinkel der Sekretärin verriet nichts Gutes und sie klappte meine ganze Mappe zu mit den Worten: Bitte richtiges Dokument besorgen, dann wieder kommen. Ohne die anderen 10 Dokumente gesehen zu haben. Dinge, die ich langer Hand beantragt hatte, wie ein Certificate of Good Standing und ein polizeiliches Führungszeugnis aus Deutschland, wurden keines Blickes gewürdigt. Karg, kurz angebunden, spärlich knapp ausgedrückt. Enttäuscht und frustriert verließ ich das Sekretariat

Diese Szenen wiederholten sich im etwa Monats-Rhythmus. Mit oder ohne kekskrümelnde Kinderschar.

Kurz vor der Sommerpause im August 2019 dachte ich, ich wäre am Ziel, legte mal wieder alle Dokumente vor, da sagte mir die Sekretärin aber nun, dass alle “Arzt-Dokumente” im Rahmen einer “neuen Regelung” in speziell mit APOSTILLE beglaubigter Kopie vorliegen müssen, und zwar beglaubigt von der damals ausstellenden Behörde in Deutschland (das sind so einige verschiedenen in meinem Fall) und die beglaubigten Kopien mit dem identischen Stempel der Behörde plus Unterschrift des gleichen Ausstellers versehen sein sollten – um dann anschließend in den Regierungspräsidien der einzelnen Bundesländer mit Apostille “EU-konform” gemacht zu werden. Anschließend seien die Dokumente nach Portugal zu bringen, hier zu übersetzen und die Übersetzung erneut zu beglaubigen, von einem portugiesischen Notar.

Nun stand ich aber schon wie gesagt zum gefühlt 394. Mal in diesem Sekretariat, obige Dokumente hatten alle einen “anderen” Stempel als die gewollte Apostille, die jetzt plötzlich so notwendig sein soll und die Sekretärin wollte mich gerade schon wieder nach Hause schicken… da blieb ich wohl einfach eine Sekunde lang zu lang auf dem Stuhl sitzen, die Kinder machten sich wohl eine Sekunde lang zu laut mit Matchbox-Autos an der Heizung zu schaffen, vielleicht aber auch, weil sie mich inzwischen kannte, die Sekretärin, oder weil sie Mitleid hatte – denn – und das ist letztendlich der Witz und das große Rätsel an der ganzen Sache – sie nahm dann DOCH meine Dokumente an, wohl aber mit Murren und Knurren und genervtem Blick und mit den Worten “na, puh, da Sie jetzt ja schon WIEDER da sindgeben Sie sie halt her.

Mit der Annahme meiner Dokumente erfolgte die Einschreibung in den Orden dos Médicos, so kann ich stolz berichten, zusätzlich erfolgte das Zahlen einer ordentlichen Gebühr und Anmeldung zu einer mündlichen Prüfung – welche sich meines Wissens und Lesens bis dahin entzogen hatte- wovon die Sekretärinnen aber natürlich aber ausgegangen waren, dass ich es natürlich weiß. September 2019, etwa 1 Woche vor der Prüfung, wurde mir das Datum der Prüfung portugiesisch kurzfristig fristgerecht dann auch endlich mitgeteilt. Mein kläglicher Versuch, die Prüfung zu verschieben, aufgrund Besuch, laufender Kindergarteneingewöhnung und nicht existenter Vorbereitungszeit – führte zu einer subtilen Androhung einer Strafzahlung, begleitet von dem Tipp, ich solle doch das Kind einfach bei der Oma abgeben … tja, zwei Welten, dachte ich da nur, welche Oma denn bitte schön, hier in Porto?

Letztendlich nahm ich an der seltsamen Prüfung teil (eine liebe Freundin spielte “Oma”), es wurden mündliche und schriftliche medizinische Sprachkenntnisse abgefragt und eine Jury von 4 Chefärzten überprüfte im Gespräch meine portugiesisch-medizinischen Fähigkeiten. Im Oktober 2019 stellte ich mich dann erwartungsvoll erneut in der Ärztekammer vor, ich hatte die Prüfung bestanden und hoffte nun, der Prozess sei zu Ende. Jedoch, man merke sich, in Portugal ist NACH dem Prozess eigentlich VOR dem Prozess. Ohne ein Wimpernzucken oder Lächeln wurde mir mit größter Selbstverständlichkeit mitgeteilt, dass jetzt Prozess Nummer 2 erfolgen muss, nämlich die Zulassung meines entsprechenden Facharztes… – das heißt: erneute Kopien, Beglaubigungen, Stempel und Apostille aus Deutschland, dann erneute Übersetzung und Beglaubigung in Portugal. Ich wies die Sekretärin darauf hin, dass das entsprechende Facharztzeugnis doch bereits seit Monaten in ihren Akten läge, in der gleichen beglaubigten Form, wie alle anderen Dokumente, welche bereits angenommen wurden, ich ließ mir meine Akte zeigen und zeigte ihr das Zeugnis sogar… Sie stockte, versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und verwies dann aber erneut auf o.g. zweiten Prozess. Zum diskutieren zu ausgezehrt, meine Kinder warten im Kindergarten auf mich, ich ging einfach, weiter gehts also, es folgt Akt 22.

Ich beschaffte dann unter recht großem Aufwand die Apostillenbeglaubigung auf meinem Facharztzeugnis und eine Konformitätsbescheinigung, dank meines Mannes in Akt 23 (Arbeitsreise) und meiner Mutter in Akt 24 (Urlaubsreise), wurde erneut vorstellig in Akt 25 und wurde dann auch wieder weggeschickt: Denn: die Konformitätsbescheinigung, ein, nennen wir es “DINA4-Blatt-Computerausdruck”, der bestätigt, die medizinische Ausbildung in D und in PT sind anerkannt gleichwertig, soll Bitteschön auch eine Apostille tragen…. Daraufhin brauchte ich erstmal 4 Wochen Urlaub von dem Prozess, so sehr zerrte es an meinen Nerven.

Ein undurchsichtiger Prozess mit vielen Hürden. Jetzt, im Nachgang, habe ich einiges jedoch schon besser verstanden, und ich weiß, wie ich es hätte vielleicht besser machen sollen – auf die portugiesische Art. Die angebliche “Strafzahlung” z.B. war eine nur verzweifelt ausgesprochene und nur halb erklärte Aussage, die Dame meinte eigentlich, bei nicht Antreten zur Prüfung (welche nicht verschiebbar ist), müsste ich erneut einen dreistelligen Betrag für die nächste Prüfung in 3 Monaten zahlen. Außerdem kann ich bestätigen, dass ein langer Text über diesen Legalisierungs- Prozess sowie eine Erwähnung der notwendigen Unterlagen für EU-Bürger auf der Seite des Ordem dos Medicos, existiert, aber dass Dokumente z.B. in einer bestimmten Reihenfolge (und von ganz bestimmten Personen!) beglaubigt werden müssen, übersetzt und dann die Übersetzung wieder beglaubigt werden muss, im jeweils richtigem Land – das steht nur zwischen den Zeilen. Auch, dass es mehrere hintereinander geschaltete Prozesse sind, steht nirgendwo so genau. Gegenseitige nicht ausgesprochene Erwartungshaltungen und eine völlig andere Art von Kommunikationsverhalten führten zu einem insgesamt großen Durcheinander. Vorbilder, an die ich mich fragend wenden könnte, gab es auch nicht. Meine Hilferuf-Email an alle möglichen, von der deutschen Botschaft in Porto gelisteten deutschen und deutsch-sprechenden Ärzte führte nur zu einer einzigen Antwort (wenigstens!) von einer der ca. 5 Kollegen, eine Ärztin, welche seit 30 Jahren in Porto wohnt und arbeitet – sie hat mir nur gutes Durchhaltevermögen und einen schönen Aufenthalt hier gewünscht. Vielsagend, dachte ich im Nachhinein!

Fazit insgesamt: Mein Vorgehen – viel zu deutsch! Bevor man anfängt, sich einem portugiesischen Prozess ernsthaft zu widmen, jedweder Art, sollte man erstmal mit den Sekretärinnen und Beamten auf Tuchfühlung gehen. Einfach mal auftauchen, im Büro, hallo sagen, quatschen, winken, lächeln, die Kinder nach vorne an den Tresen schieben, zum bewundern-lassen, nebenbei nach dem “regualmento” fragen und sich dann von der Sekretärin etwas ausdrucken lassen, anstatt es selbst zu tun. Man sollte immer Geduld mitbringen und aufbringen, nie ein Zeitlimit im Kopf haben, nie eine Dead-Line, nie ein konkretes Zahlenziel. Man sollte bestenfalls nicht eigenständig handeln sondern lieber warten, was man gesagt bekommt. Das Direktive zählt viel, hier in Portugal. Daten und Vorschriften, etwaige regulamentos und Pflicht-Listen sind alle relativ. Nichts ist so wichtig wie die direkte Beziehung, wie die Harmonie zwischen und zu den betreffenden Menschen, die im Prozess involviert sind, nichts so wichtig wie das Miteinander und das familiäre untereinander. Kennt man den Postbeamten, nimmt er dich aus der Schlange lächelnd zuerst dran, kennt man den Bankbeamten, gehen Prozesse auch ohne Vollmachten und doppelt so schnell. Kennst du also die Ärzte-Vereinigung-Sekretärin, begrüßt sie dich mit “Cornelia”, dann ist die Sache schon halb geritzt. Das ist alles. Sie bestehen zwar drauf, aber nicht das korrekt richtige Dokument mit dem richtigen Datum und dem richtigen Siegel ist eigentlich das A und O. Nicht das Berufen auf Listen und EU-Verordnungen ist das Ziel. Nein, es ist das Miteinander, das familiäre Kennenlern-Spiel, das persönliche Auftreten, das Gespräch über das Wetter und die lieben Kinder ist das, was über einen Prozess entscheidet. Willkommen in einer High Context Communication Society.

Akt 26: Im Januar 2020 habe ich die apostillen-beglaubigte-portugiesischübersetzte-notariell-beglaubigte-hochoffizielle-unabdingbare-Konformitätsbescheinigung abgegeben- im Rahmen meines Ärztekammerbesuchs Nummer 20485. Kommentarlos wurde sie abgeheftet. Wie geht es weiter? “Ein Brief wird Ihnen zugeschickt.” Karg wie eh und je, die Aussagen, fehlende Listen und fehlende Prozess-Übersicht bin ich ja jetzt schon gewohnt. Also:

Lasst uns abwarten.

 

2 thoughts on “…der lange Weg zum Berufsstart in Portugal – von “Arzt werden” und “Arzt sein”

  1. Wirklich ein wunderbarer Beitrag, der zeigt, vor welchen Herausforderungen man im Ausland manchmal steht und wie man sie dennoch meistern kann, wie man manchmal um die Ecke denken und sich aber auch in Geduld üben muss, dass sich die Mühlen im Ausland manchmal langsamer oder anders drehen. Danke, dass du uns an diesen Erfahrungen teilhaben lässt. Ich drücke dir die Daumen für den weiteren Anerkennungsprozess!

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